„Zeichen des Friedens in einer unruhigen Welt“

Burg auf Fehmarn. Ein Abend des Gesprächs, der Gastfreundschaft und der religiösen Begegnung: Zahlreiche Gäste folgten am vergangenen Freitagabend der Einladung der muslimischen Gemeinschaft und der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Nikolai zum gemeinsamen Fastenbrechen.

Propst Dirk Süssenbach (re.) im Gespräch mit Imam Berkay Avsar. Foto: Eckhard Kretschmer

Im Gemeindehaus wurde das sogenannte Iftar – das tägliche Ende des Fastens im islamischen Fastenmonat Ramadan – gemeinsam gefeiert. Bereits zum zweiten Mal fand ein solcher Abend in dieser Form statt. Pastorin Dr. Susanne Platzhoff hob die Bedeutung der Zusammenarbeit hervor. Die gemeinsame Einladung sei ein bewusstes Zeichen. „Hier auf Fehmarn stehen muslimische Gemeinschaft und evangelische Kirchengemeinde zusammen“, sagte sie. Religion könne im besten Fall verbinden, wenn sie sich auf ihre grundlegenden Werte besinne.

Als Jesus nach dem höchsten Gebot gefragt worden sei, habe er geantwortet: Gott lieben, ihm die Ehre geben und den Nächsten lieben wie sich selbst. Diese scheinbar einfachen Worte seien in einer konfliktreichen Welt oft schwer umzusetzen. Umso dankbarer sei sie für die Erfahrungen auf Fehmarn, wo sich eine lebendige Gemeinschaft entwickelt habe. Als Beispiel nannte Platzhoff die Unterstützung der muslimischen Gemeinde beim Kirchenasyl. Zum Abschluss erzählte die Pastorin eine jüdische Lehrgeschichte: Ein Rabbi werde gefragt, wann die Nacht ende und der Tag beginne. Nicht dann, wenn man Tiere oder Bäume unterscheiden könne, sondern dann, wenn ein Mensch im Gesicht eines anderen seine Schwester oder seinen Bruder erkenne. „Ich habe das Gefühl, dass hier schon viel Nacht geschwunden ist“, sagte Platzhoff.

Auch Vertreter der muslimischen Gemeinschaft blickten auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zurück. Sakine Demir erinnerte daran, dass es anfangs unsicher gewesen sei, ob eine islamische Gemeinde auf Fehmarn entstehen könne. Heute wisse man, dass Muslime aus ganz Ostholstein regelmäßig nach Burg kämen, um ihren Glauben gemeinsam zu praktizieren.

„In der heutigen Zeit ist es äußerst wertvoll, dass Menschen zusammenkommen und miteinander sprechen“, sagte Demir. Zu oft schotteten sich Menschen voneinander ab und verlören das soziale Miteinander aus dem Blick. Gerade deshalb sei ein Abend wie dieser wichtig. Ein historischer Schritt war bereits im August 2023 erfolgt: Damals erklang erstmals ein gemeinsames Freitagsgebet muslimischer Gläubiger im Gemeindehaus der St.-Nikolai-Kirche. Viele Muslime der Insel hatten zuvor jahrzehntelang weite Wege nach Lübeck, Kiel oder Pinneberg zurücklegen müssen, um an einem Freitagsgebet teilnehmen zu können.

Der Moment des Fastenbrechens wurde am Freitag um 18:16 Uhr durch Imam Berkay Avsar mit dem traditionellen Gebetsruf eingeleitet. Kurz darauf verwöhnte ein reichhaltiges Buffet mit zahlreichen Speisen, liebevoll vorbereitet von Mitgliedern der muslimischen Gemeinde, die Gäste der des Iftar-Festes. Während des Essens entwickelte sich rasch eine lebhafte Atmosphäre. Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Generationen kamen miteinander ins Gespräch – über Glauben, Alltag und persönliche Erfahrungen.

Der Imam der muslimischen Gemeinde Fehmarns, Ramazan Özdemir, betonte in seiner Ansprache die gemeinsamen religiösen Traditionen. Auch im Islam werde Jesus mit großem Respekt erwähnt, ebenso Maria. „Unsere Traditionen sind nicht nur verschieden, sie sind auch miteinander verbunden“, sagte der 21-Jährige, der regelmäßig aus Lübeck nach Fehmarn reist, um die Gemeinde zu betreuen. Die großen Fragen des Lebens – woher der Mensch komme, wohin er gehe und wie Menschen gerecht miteinander leben könnten – stellten sich überall auf der Welt in gleicher Weise. Der Abend sei daher ein wichtiges Zeichen dafür, dass Menschen unterschiedlicher Religionen respektvoll zusammenkommen könnten. Wenn Menschen miteinander sprächen, könnten Ängste verschwinden und Brücken entstehen.

Auch Propst Dirk Süssenbach vom Kirchenkreis Ostholstein würdigte die Bedeutung des Abends. Er überbrachte die Grüße des Kirchenkreises und des Kirchenkreisrates und erinnerte daran, dass sich in diesem Jahr die islamische und die christliche Fastenzeit überschneiden. Beide Religionen verbinde in diesen Wochen der Wunsch nach innerer Einkehr und nach einer neuen Ausrichtung auf Gottes Wort. Die Fastenzeit sei eine geschenkte Zeit, um innezuhalten und über das eigene Leben nachzudenken.

Gleichzeitig zeigte sich der Propst besorgt über die Situation in vielen Teilen der Welt. Weder Christen noch Muslime könnten ihre religiösen Zeiten im Nahen und Mittleren Osten überall in Frieden begehen. Gewalt und Krieg prägten das Leben vieler Menschen.

„Gerade deshalb ist dieser Abend ein wichtiges Zeichen“, sagte Süssenbach. Dass Christen und Muslime hier auf Fehmarn gemeinsam feiern könnten, sei ein Ausdruck von Gastfreundschaft und gegenseitigem Respekt. „Wir setzen hier ein kleines Zeichen des Friedens in einer unruhigen Welt.“ Zugleich erinnerte er daran, wie wertvoll die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland sei. Sie ermögliche es Menschen unterschiedlicher Religionen, ihren Glauben frei zu leben.

Auch persönliche Geschichten fanden an diesem Abend Raum. Lars Schäckermann, der sich gemeinsam mit seiner Frau im Kirchenasyl engagiert, berichtete von einer Begegnung mit einer geflüchteten Familie. Aus einer zunächst praktischen Hilfeleistung sei eine enge Freundschaft entstanden. Die Gastfreundschaft, die er dabei erlebt habe, habe ihn tief beeindruckt. „Da kann sich manch ein Deutscher eine Scheibe abschneiden“, sagte er mit so etwas wie einem entschlossenen Lächeln. Francesca Caci Jahn vom Seniorenbeirat der Stadt Fehmarn erinnerte sich an ihre eigene Geschichte als Einwanderin aus Italien. Wer selbst die Heimat verlassen habe, wisse, wie wichtig Offenheit und Freundschaft seien. „Am Ende sind wir alle Menschen“, sagte sie.

Unter den Gästen befanden sich auch Mitglieder des Kinder- und Jugendparlaments der Stadt Fehmarn. Für einige von ihnen war es der erste Besuch bei einer muslimischen Veranstaltung. Ole Siegmund sagte erfrischend offen, dass ihm vieles zunächst fremd erschienen sei. Die große Gastfreundschaft habe jedoch schnell dafür gesorgt, dass sich alle wohlgefühlt hätten. „Wir haben miteinander gesprochen, gegessen und einfach einen schönen Abend erlebt“, sagte er.

Nach dem gemeinsamen Essen blieb noch Zeit für Gespräche bei Tee und Desserts. Während ein Teil der Gäste im hinteren Teil des Saales blieb, versammelten sich muslimische Teilnehmer im vorderen – Mekka zugewandten – Teil des Raumes zum Ischagebet, dem letzten der fünf obligatorischen Gebete im Islam.

Text und Foto von Eckhard Kretschmer

Geschrieben am:

17. März 2026